DICTUM Friedland

Ein Projekt der Gesundheitsregion Göttingen / Südniedersachsen

Ziele und Dialoggruppe

Ziele des Projekts

  • Entwicklung und Implementation von digitalen Kommunikationshilfen zur Erhebung der Krankengeschichte fremdsprachiger Patient*innen in der Krankenstation des Grenzdurchgangslagers in Friedland
  • Evaluation von Nutzbarkeit, Akzeptanz, Implementation sowie patientenzentrierte Outcomes (Wiedervorstellungen)

Dialoggruppe

  • Geflüchtete Menschen
  • medizinisches und pflegerisches Personal

Maßnahmen und Auswirkungen

Ausgangslage

Das gegenseitige Nicht- oder Kaum-Verstehen ist zu einer alltäglichen Herausforderung in der medizinischen Behandlung von Geflüchteten und Neubürger*innen in Stadt und Landkreis Göttingen geworden. Geeignete Dolmetscher*innen, die sowohl den Dialekt des Patient*innen als auch medizinische Fachtermini übersetzen können, sind besonders in ländlichen Gebieten schwer verfügbar; ihre Kostenübernahme ungeklärt. So mahnt das aktuelle Integrationskonzept des Landkreises Göttingen „die Bereitstellung, Unterstützung und Koordinierung qualifizierter Sprach-/Kulturdolmetscher“ an. Die Dringlichkeit zeigt sich exemplarisch im Grenzdurchgangslager Friedland (GDL): Ärzt*innen und Pflegepersonal sind in der Überwindung von Sprachbarrieren meist auf sich allein gestellt (nur bei 5 % der Konsultation sind professionelle Dolmetscher*innen anwesend, eigene Voruntersuchung). Sie greifen in dringlichen Situationen auf dolmetschende Mitpatient*innen oder Familienmitglieder zurück.

Vorgehen im Projekt

Die im Projekt entwickelte und implementierte App ermöglichen eine strukturierte Anamnese nicht-deutschsprechender Patient*innen ausgehend von den häufigsten in der Primärversorgung auftretenden Symptomen mittels intuitiver Eingabe auf einem Tablet. Die App reagiert adaptiv auf die Angaben des*der Patient*in und fragt auch nach subjektiver Bewertung der Symptome, sodass zugleich Leidensdruck, Befürchtungen und Erwartungen mitgeteilt werden. Fragen und Antworten werden den Patient*innen durchgängig video- und audiobasiert dargeboten, sodass einerseits auch schriftunkundige Patient*innen (funktionelle Analphabet*innen) die Kommunikationshilfen verwenden können, und andererseits Dialektformen abgebildet werden, für die es kein schriftsprachliches Äquivalent gibt. Die Anamnese ist dabei kultursensibel gestaltet und ermöglicht so auch eine kulturelle Übersetzungsleistung. Die Kommunikationshilfen unterstützen Arabisch (Modern Standard Arabic und sechs wesentliche arabische Dialekte), Farsi, Paschtu, Türkisch, kurdische Sprachen (Kurmandschi, Sorani, Zaza), Englisch, Französisch, Russisch sowie einige mehr. Patient*innen nutzen die App im Wartezimmer. Die übersetzten Eingaben können unmittelbar von Ärzt*innen aggregiert vor oder während der Konsultation eingesehen werden. Eine wissenschaftliche Evaluation begleitet das Projekt.

Auswirkungen

Im Rahmen des Projekts wird die App 353-mal verwendet, wovon 283 Anamneseerhebungen abgeschlossen wurden. Die Eingabe der Beschwerden dauert im Median 10:27 Minuten. Die Verwendung der Audio-Ausgabe (60 % der Nutzenden) beeinflusst die Nutzungsdauer nicht. Größtenteils wird die App als gut bedienbar (76 %) eingeschätzt und 65 % der Nutzenden geben an, ihre wesentlichen Beschwerden eingeben zu können. Beide Einschätzungen sind unabhängig vom Alter und vom Geschlecht der Nutzenden, jedoch hat der Bildungsstand einen leicht positiven Einfluss auf die Bedienbarkeit. Der Plausibilitätstest ergibt, dass 51 % der Synopsen vollständig und 28 % der Synopsen teilweise mit den ärztlichen Diagnosen übereinstimmen. Die systematisierte Abfrage häufiger allgemeinmedizinischer Beschwerden ermöglicht eine genauere Anamneseerhebung bei Erkrankten, mit denen ein übliches Anamnesegespräch aufgrund sprachlicher Barrieren nicht möglich ist. Die App ist leicht bedienbar und im Vergleich zu online verfügbaren maschinellen Übersetzungen nicht anfällig für Übersetzungsfehler. Die Anamneseapp wurde zwischenzeitlich weiterentwickelt, um zahlreiche Sprachen ergänzt und steht dabei als kommerzielles Produkt Anwender*innen zur Verfügung. Parallel findet weiterhin Forschung und Entwicklung, gegenwärtig etwa durch das Innovationsfondprojekt dasi oder in einem US-Forschungsprojekt an der Michigan State University statt.

Laufzeit und Finanzierung

Laufzeit

Startdatum: 01.04.2017

Enddatum: 31.03.2019


Verstetigt seit: 31.03.2019

Finanzierungsvolumen

310.000 €

 

Träger und beteiligte Akteure

Träger

Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsmedizin Göttingen

Weitere beteiligte Akteure

Umsetzungspartner:

  • Malteser Friedland e. V.
  • Landesaufnahmebehörde Niedersachsen Standort Friedland
  • aidminutes Gmbh


Netzwerkpartner:

  • AOK Niedersachsen
  • KV Niedersachsen
  • Stadt Göttingen
  • Südniedersachsenprogramm

Ansprechpersonen

Dr. med. Frank Müller

Institut für Allgemeinmedizin


Humboldtallee 38

37073 Göttingen

Tel.: 0551 3965663


E-Mail:

frank.mueller@med.uni-goettingen.de

Prof. Dr. med. Eva Hummers

Institut für Allgemeinmedizin


Humboldtallee 38

37073 Göttingen

Tel.: 0551 3922638


E-Mail:

eva.hummers@med.uni-goettingen.de

Weiterführende Links

Die Angaben zu den Projekten entstammen Mitteilungen aus den beteiligten Gesundheitsregionen


Datum der letzten Bearbeitung: 08.02.2023


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